1 Jahr täglich Tagebuch schreiben

Einige Momente bevor ich anfing, diese Zeilen in mein Laptop zu tippen, habe ich Tagebuch-Eintrag Nr. 365 in Folge geschrieben. Das ergibt: 1 Jahr Tagebuch schreiben, jeden Tag. Ohne Unterbrechung. In der Summe sind das fünf vollgeschriebene Bücher und fast 600 Seiten handschriftliches Leben.

Warum Tagebuch schreiben?

Ganz einfach: Mein Therapeut hat gesagt, ich soll das tun.

Und weil der mich sehr gut kennt, und ich auf ihn höre, bin ich am 17. Januar 2018 losgezogen und habe mir ein Leuchtturm Composition Notizbuch und einen Lamy vista-Füller gekauft. (Beides Affiliate-Links). Seine Idee war wohl, dass ich damit ein vor mir liegendes und anspruchsvolles 2018 in den Griff kriegen sollte. Der Plan klang gut. Doch ich hatte keine Ahnung, wie das geht, Tagebuch schreiben.

Damals hinterm Mond …

Okay. In den wilden 1990ern, als ich mal irgendwas zwischen unglücklich und völlig falsch verliebt war, habe ich das auch gemacht. Für ein paar Monate, unregelmäßig. Und bestimmt ganz fürchterlich kitschig bis melodramatisch. Daran erinnerte ich mich. Ansonsten hatte ich jedoch keinerlei Erfahrung im „Tagebuch schreiben“.

„Schreiben“ als solches hingegen ist mir natürlich überhaupt nicht fremd. Das war ganz klar. Mit vielen Jahren auf Poetry Slam-Bühnen und einem ganzen Buch voll mit Geschichten machte ich mir da keine Sorgen. Oder vielleicht gerade deshalb. Der Storyteller in mir wollte wissen: Welche Struktur würde das alles haben müssen? Braucht es einen Faden? Gibt es Akte? Und wer ist eigentlich das Publikum?

Braindumping als Technik des Tagebuch-Schreibens

Völlig überfordert tat ich das, was ich immer tue, wenn mir etwas begegnet, das ich tun möchte, jedoch keine Ahnung habe, wie das geht: Ich fange einfach mal an und „spiele“, als würde ich das gerade neu erfinden. Siehe dazu auch den vorherigen Artikel: Wie ich den Podcast erfunden habe. Und YouTuben. Vom „Kreativ sein“.

Also eine lila Patrone in den Füller und losgeschossen. Der erste Eintrag ist also vom 17.1.2018 um 6 Uhr 27. Denn zuerst beschloss ich immer zu schreiben, bevor die anderen aufstehen würden. Und so beginnt mein erstes Tagebuch mit den Worten

Okay, liebes Tagebuch. Wir haben jetzt nicht viel Zeit.

Parallel zu den ersten Einträgen, begann ich, der Informations-Junkie, meine Fühler auszustrecken und mich ein wenig einzulesen ins Tagebuch schreiben. Nicht tief, aber einige wenige Artikel. Wie und wann Menschen schreiben. An wen und für wen. Ziemlich bald, nach einigen Tagen, wurde mir klar, dass ich der Technik des Braindumpings folgte.

Braindumping bedeutet nichts anderes, als einfach mit dem ersten Gedanken, der einem in den Sinn kommt, drauf los zu schreiben und erst wieder aufzuhören, wenn man ein gesetztes Ziel erreicht hat. Eine bestimmte Zeit, eine definierte Anzahl an Seiten. Ich entschied mich für mindestens eine Seite. Meine Schrift ist ausreichend klein und die Lineatur im Leuchtturm passend eng. So kommt man automatisch, je nach Schreibgeschwindigkeit auf gute 10 Minuten Journaling Minimum am Tag.

Meist wird es dann mehr. Denn Braindumping ist das, was es bedeutet: Man rotzt seine Gedanken einfach mal leer und schon sehr bald setzt laterales Denken ein. Ostwestfälisch gesagt: Man kommt von Höcksken auf Stöcksken. Und dann ist man tief in einem Thema und damit in seinem Mind, weiter als man es an diesem kalten, dunklen Morgen mit dem viel zu starken Kaffee je gedacht hätte.

Schreiben als Schleimspur des Denkens

Irgendwann wurde mir klar, warum das Schreiben eines Tagebuchs, vor allem als Braindumping, so großartig ist, die Gedanken zu klären: Es kommt einem beim Schreiben ein Gedanke, ein Satz in den Sinn. Im „normalen Leben“ kommt direkt, ohne Pause, etwas anderes. Eine Unterbrechung des Gedankenflusses. Jemand spricht dich an, dein Handy piept, dir juckt die Nase. Nicht beim Schreiben. Den Gedanken aufzuschreiben erfordert eine gewisse Zeit, zwar kurz, aber doch relevant. Eine Zeit, die der Gedanke noch hat, weiter in dein Mind hineinzukriechen und sich zu ende zu denken.

Dein eigener Stuhlkreis

Und hier kommen wir auch zur Zielgruppe: Das sind all die verschiedenen Persönlichkeitsanteile an dir. Dein „Internes Familien System“. Dein „liebes Tagebuch“ ist nichts anderes als ein großer Stuhlkreis mit dir selbst. Dein Bewusstsein, dein Unterbewusstsein, dein Ego und all die anderen Freunde, die sonst unbemerkt in deiner guten Stube abhängen und dir das Leben oft schwer machen.

Tagebuch schreiben schenkt dem, was man „Mind“ nennt, ausreichend Zeit, Gedanken weiter, vielleicht sogar mal bis zum Ende, einem Fazit, zu denken. Und so oft genug einen wertvollen, für dich Gewinn bringenden nächsten Gedanken zu finden. Und aus allen diesen Gedanken heraus, mittelfristig dein Mindset sogar zu verändern.

Warum jeden Tag?

Das ist eine bewusste, persönliche Entscheidung. Zum einen fordert es mich heraus. Auf einer Ebene, die ich hier nicht ausbreiten will. Aber auch auf einer anderen, nämlich mich mit meinen Gedanken wenigstens kurz auseinander zu setzen. Ihnen einen kleinen Raum zu geben. Ganz egal, wie hektisch und voll der Tag wird oder war (bald habe ich dann auch später am Tag geschrieben. Oft Abends, wenn alle im Bett waren. )

Nicht immer entstehen dabei wegweisende Einträge. An einigen wenigen Tagen, die laut und bunt und vor allem lang waren, gab es auch Einträge, die nur wenige Zeilen lang waren. Aber niemals habe ich die Kette unterbrochen. Und auch hier, wenn ich eigentlich nur wenig schreiben wollte, sind oft aus geplanten, hinzurotzenden Kurzmitteilungen an das Hirn, mehrere Seiten wahre Erkenntnisse geworden.

Über das Schreiben wirklich zu sich selbst kommen

Immer wieder bin ich meinem Selbst, dem was ich wirklich bin, nahe gekommen. Habe Gedankenkonzepte und Konstrukte gefunden, die mir seitdem helfen, mich und das, was mein Leben ausmacht besser zu verstehen und auf Situationen angemessen zu reagieren. Sowohl die guten als auch die kleinen und großen Krisen. Ich habe meine grundlegenden Lebenswerte herausgearbeitet und definiert. Seit Monaten weiß ich, auf welchen Säulen mein Leben ruht und damit, was es zu hegen und pflegen gilt. (Diese beiden Aspekte, „Werte“ und „Säulen“, möchte ich demnächst im dann startenden Blog des „Happy People Center“ erläutern.)

Ein paar Tipps für den Anfang

  • Kauf dir ein passendes Notizbuch und einen Stift, mit dem du gerne schreiben möchtest. Auch einen Marker, um wichtige Passagen zu markieren. Dringend rate ich dir davon ab, das digital zu machen.
  • Es geht ums Schreiben. Nicht um Kunst und Perfektion, Nobelpreise oder bunte Kringel. Das ist kein Jahrhundertwerk und auch kein Bullet Journal, sondern ein Wohlfühlort für dein Mind.
  • Rede dir nicht ein, dass du nicht schreiben kannst. Man sagt ja auch nicht „Ich bin nicht fit genug fürs Fitnesstudio“. Fang einfach an.
  • Setz dir ein machbares Ziel. Eine Seite pro Tag genügt völlig. Und wenn es der Tag nicht anders zulässt, auch mal eine Zeile.
  • Schreibe jeden Tag. Je nach Schreibtempo und Ziel benötigt das nicht mehr als 10 bis 15 Minuten. Soviel Zeit hat jeder irgendwo.
  • Lege das Tagebuch und den Stift an einen festen Ort. Das verringert die Schwelle ungemein.
  • Mach dir ein Inhaltsverzeichnis, in dem du die wirklich wichtigen Beiträge vermerkst um später besser stöbern zu können und vielleicht Querverbindungen auszumachen.
  • Sei es dir wert. Du bist großartig.

Wenn Du Fragen zum Thema „Tagebuch schreiben“ hast. Oder Anmerkungen. Oder ansonsten irgendetwas dazu loswerden möchtest, dann schreibe es doch hier in die Kommentare. Oder mir eine E-Mail an markus@freise.de. Ich freue mich drüber und drauf.

 

AutorInnen gesucht – Schreiben für das Happy People Center Hast Du Lust, als AutorIn für das Blog des Happy People Center zu schreiben? Hier findest Du dazu alle Informationen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Von Anfängern lernen. Homeruns in der Wissensgesellschaft.

Manchmal sind die besten Lehrer die Schüler selbst. Wie man als Mentor zurücktritt, um in unserer Wissensgesellschaft gerade von den Rookies und Grunschnäbeln zu lernen, so derbe hinter den Ball zu schlagen, dass er aus dem Stadion in für uns neue Galaxien vordringt.

Hört endlich auf Pausen zu machen und feiert Mikrourlaube

Was einen Mikrourlaub von einer Pause unterscheidet? So einiges. Als Erfinder des Mikrourlaubs: Hier meine Definition eines Modells, das uns hilft, in dieser wahnsinnig gewordenen Welt Inseln der Ruhe und Komtemplation zu finden.

Radikale Selbstliebe

Manche Tage sind so zäh und klebrig, da hilft kein pseudo-intellektuelles Psychogequatsche mehr, sondern nur noch eins: Radikale Selbstliebe. Was das ist und wie man das als Notfallplan für das Leben nutzen kann, erklären wir in diesem Blog-Post.

Berlin-Marathon 2019 – eine Vorfreude in blanken Zahlen

Was alles notwendig ist, um so ein ambitioniertes Ziel wie den Lauf eines Marathons zu erreichen? Das hat unser Gast-Autor Stefan Freise mal zusammengetragen.

Und jetzt geh’ da raus und zeig der Welt, dass du besser bist als du.

Was ein fiktivier High School-Coach, Yoda und Jogi Löw gemeinsam haben? Sie finden die richtigen Worte, um ihre Leute zu motivieren. Warum nur fällt uns das aber so schwer, wenn es um uns selbst geht?

Alleineurlaub. Der wunderschöne Ego-Trip.

„Solitude“ nennen sie das in der englischen Sprache. Diese Zeit, in der man ganz bewusst alleine für sich ist. Ich nenne das „Alleineurlaub“ und erkläre das „wie“ und warum das eine gute Sache hinsichtlich Persönlichkeitsentwicklung ist, in diesem Blogpost.

Hier kommen die ersten Buch-Tipps

Wir haben unsere Bücher-Regale und Kindles nach den Büchern durchstöbert, von denen wir glauben, dass sie geeignet sind, die Idee und die Themen des Happy People Centers zu konkretisieren. Hier einige Gedanken dazu.

In Schnittmengen leben. Vom kreativen Umgang mit dem Social-Media-Mindfuck

Wie man, statt sich von der Sehnsucht auf ein anderes Dasein zerfressen zu lassen, sein Ego austrickst und das geschönte Leben der Influencer, Blogger und YouTube für sich nutzt. Der Trick: In Schnittmengen zu leben. Hier eine Anleitung.

Mit dem Geist des Anfängers

In der Zen-Meditation und in asiatischen Martial Arts gibt es das Shoshin – das „Beginner’s Mind“. Was dieses uralte Prinzip mit so etwas aktuellem wie einer Website zu tun hat, beschreiben wir in diesem Artikel.

Warum ich nach über 500 Tagen Meditation einfach aufhörte.

Nach über 500 Tagen in Folge habe ich im Sommer 2019 aufgehört zu meditieren. Warum und was das mit Plateaus, Maultieren und Charlotte Roche zu tun hat, erzähle ich in diesem Blog-Beitrag.

Warum ich laufe.

Es gibt viele gute Gründe, zu laufen und Sport zu treiben. Ich habe für mich einen gefunden, der eigentlich nichts mit Sport zu tun hat. In diesem Beitrag erzähle ich Euch davon.

1 Jahr täglich meditieren

In 2018 ich ein Jahr lang täglich meditiert. In diesem Beitrag erzähle ich, warum ich das getan habe, was mir dabei geholfen hat, gebe Buchtipps und eine App-Empfehlung. Und was es mir letztlich gebracht hat.

1 Jahr täglich Tagebuch schreiben

Tagebuch schreiben ist eine der Grunddisziplinen auf dem Weg zu sich. Ich habe das ein Jahr lang probiert und gemacht. Hier sind meine Erfahrungen.

#Mikrokreativität – gegen das Jucken im Kreativen

Kreativität braucht nicht immer die große Bühne. Nicht immer die besten Werkzeuge. Manchmal genügt schon ein kurzer Impuls und ein kleiner Moment Zeit um etwas kleines mit großer Wirkung zu erschaffen. Ich nenne es „Mikrokreativität“. Dieser Blog-Post erzählt dir mehr darüber.

„Das Besondere“ – eine Antwort an Volker Strübing

Wenn ein Künstler wie Volker Strübing dein Blog abfeiert und dich hinterher fragt, was für dich „besonders“ ist – neben Familie, Freunde die Liebe – schreibst du besser drüber.

Du multitasked nicht sondern verramscht deine Aufmerksamkeit

In Ihrem Beitrag Continuous Partial Attention beschreibt die Autorin und Keynote-Speakerin Linda Stone den Unterschied zwischen „Multitasking“ (gut) und „Continuous Partial Attention“ (nicht so gut).

Ist das noch #tgif oder schon „Wochentagismus“?

Was hast du zuletzt geantwortet, als du gefragt wurdest „Und, was machst du so?“ Wie wir die Frage richtig stellen, was die Antworten bedeuten und was wir lernen können in diesem Blog-Post.

Deine Komfortzone ist keine Komfortzone sondern nur ein Sofa

„Komfortzone“ ist eines von diesen Worten, die man eigentlich anders denken und nutzen sollte. In diesem Blog-Beitrag trauen wir uns das einfach mal und entdecken dass das, was uns ausmacht viel gemütlicher ist.

Die unerträgliche Schwere des Nichtseins

Leichtigkeit ist das, was ein Kreativer braucht. Was aber, wenn das Leben über dir hereinbricht und dich unter sich begräbt? Wenn alles so schwer wird, dass man nur regungslos vor sich hinstarren will? Eine Anleitung.

Jetzt Newsletter abonnieren