Warum ich laufe.

Es gibt viele gute Gründe, zu laufen und Sport zu treiben. Ich habe für mich einen gefunden, der eigentlich nichts mit Sport zu tun hat. In diesem Beitrag erzähle ich Euch davon.

Sport und ich, das ist keine besonders romantische Liebesgeschichte. Körperliche Ertüchtigung, Teil irgendwelcher Teams zu sein, Wettkämpfe zu gewinnen, das hat mich nie wirklich gereizt. Für mich als jemand, der eher mit dem Kopf arbeitet, war es eher immer genau andersherum: Wenn es in meiner Jugend körperlich anstrengend wurde, habe ich einfach aufgehört. Mir irgendwelche Verletzungen ausgedacht, um am Sportunterricht nicht teilnehmen zu müssen.

Auch in den folgenden Jahren, als junger Erwachsener, wurde das nicht anders. Okay, ab und an traf ich mich mit Freunden zum Squash- oder Tennis-Spielen. Doch da ging es weniger um den Sport. Da stand immer der gesellschaftliche Aspekt weit vor dem körperlichen. Die Anstrengung nahm ich in Kauf.

Um es abzukürzen: Ich war mir bis in meine 40er immer mein innerer Churchill: „No sports.“

Fun Fact: Sport ist kein Mord

Dabei bin ich ja nicht dumm. Mir waren die vielen Vorteile von Sport immer sehr bewusst: Kardiologische Auswirkungen. Agilität. Fettabbau. Muskelaufbau. Nur war ich irgendwie gesegnet. Mit einem Körper, der auch so ganz gut in Form blieb. Ärzte attestierten mir zudem regelmäßig hervorragende Gesundheit. O-Ton einer Kardiologin: „Sie haben ein Herz wie ein Sportler.“ Na, immerhin. Soweit hatte ich es gebracht ohne Sport. Also blieb ich sitzen, wo andere rannten. Und malte, programmierte, tüftelte an meiner Karriere als Kreativunternehmer. Was für ein Spaß.

Und dann wurde alles auf einmal ganz anders.

Hier ist die Antwort wirklich „42“

Kurz vor meinem 42. Geburtstag sprang es mich an. Ich erinnere das genau: Mit Steffi saß ich in Rietberg, im 1643, einem Restaurant. Wie aus dem Nichts sagte ich zu ihr „Ab morgen gehe ich laufen.“ Einfach so. Als wäre es die normalste Sache der Welt. Also, ist es auch. Aber ihr seht, was ich meine. Genau so gut hätte ich sagen können: „Ab morgen werde ich Teil eines usbekischen Wanderzirkus.“ Es hätte nicht absurder geklungen. Steffi, als Sportlerin, fand das natürlich total okay. Eine Diskussion blieb aus. Wozu auch? Es war ja alles gesagt.

Getan: Am anderen Tag holte ich dann meine Laufschuhe raus, die ich tatsächlich besaß. Lud eine Lauf-App herunter. Besorgte mir so ein Armband für mein iPhone. Ich war ja jetzt Läufer. Und als solcher lief los. Also: Ging. Also: Keuchte durch Bielefeld. Blieb dann erst einmal doch lieber stehen. Nach 300 Metern und 1,2 Höhenmetern. Am Ende brachte ich dann in Summe einige wenige Kilometer auf die Bahn. Mit einer Pace, die fast zweistellig war.

So ging das dann einige Jahre weiter. Noch immer nicht als romantische Liebesbeziehung. Doch zumindest als eine On-/Off-Geschichte. Mal setzte ich einige Monate aus, dann startete ich wieder von vorn. Meist im Urlaub. Irgendwie machte es Spaß. Mein Pace ruhte sich im hohen 7er-Bereich aus. Denn doch fehlte noch immer die ganz große Motivation. Ein kleiner Bauchansatz genügte da nicht. Und irgendwelche Volksläufe und Marathons reizten mich sowieso nicht. Da waren zu viele Menschen – auf einem Haufen. Was also ließ mich immer wieder meine Schuhe herausholen und von 0 starten?

„Lebe dein Ändern“ und sowas

Ein Exkurs: Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit Aspekten der Persönlichkeitsentwicklung. Oft aus dem Kern des Kreativen heraus, Wege zu finden, die Muse zu provozieren und das eigentliche Handwerk zu optimieren. Produktiver und kreativer zu werden, ohne abzufackeln.

Zuerst lernte ich hier auf einer sehr sachlichen und professionellen Ebene. „Getting things done“ – sowas. Irgendwann, nach einer mental schlechten, mehrmonatigen Phase im Sommer 2011,  begann ich dann auch mit Themen zu beschäftigen hinsichtlich des eigentlichen Geistes und dem, was mein Therapeut immer „die gute Seele“ nennt.

Entdeckte diese als notwendigen, aber „defekten“ Unterbau meines Schaffens. Las dazu viele Blogs und Bücher. Lernte schnell, dass ich auch dort keinen Maßanzug für mein Leben fand. Aber Inspiration. In den Schnittmengen zu leben, die aus „deren“ Leben und meinen bestand. Siehe dazu auch einen entsprechenden Blog-Beitrag.

Der Werkzeugkasten des „Ich“

Nach unzähligen Texten hat sich für mich deshalb irgendwann herauskristallisiert, dass eben eine belastbare Schnittmenge von Kreativen sich auf einige wenige Tools verlässt, um die kreative Seele in Schwung zu halten und den Geist in Ordnung:

  • regelmäßiges Schreiben – Blog oder Tagebuch
  • Meditation
  • gesunde Ernährung
  • körperliche Ertüchtigung aka „Sport“

… Plattenkratzgeräusch: Zeitsprung ins Jahr 2018. …

Aus diversen Gründen Gefahr laufend, in eine schwere persönliche Krise zu geraten, beschloss ich Anfang 2018, diese Tools endlich konsequent für mich umzusetzen und in mein Leben zu integrieren. Über das Journaling und die Meditation habe ich bereits gebloggt. Gesunde Ernährung ist für mich so ein Beiboot-Thema, da Steffi das bei uns ziemlich „professionell“ abdeckt. Da bin ich Nutznießer. Bekomme viel gutes Zeug, neben den Pizzen und Burgern des Alltags. Bleibt also nur der Sport als unbehandeltes Feld.

Projekt „Mental Health 2018“

Es gab hier bei den Überlegungen zum Projekt „Mental Health 2018“ eigentlich keine Alternative zum Laufen. Ich wollte natürlich etwas haben, dass ich unabhängig von allen und allem anderen machen konnte. Und das meine übrige Persönlichkeitsstruktur, den Churchill in mir, mit einbeziehen würde. Als Person mit introvertierten Tendenzen bin ich auch kein Vereins-Meier. Zumal mir zum ersten Mal eine Absicht für mein Laufen deutlich wurde: Ich wollte einen Ausgleich zu meinem restlichen, oft verkopften kreativen Unternehmertum. In dem ich sowieso den ganzen Tag mit Menschen zu tun hatte. Wollte etwas tun, das mich, jenseits des mentalen, auf einer körperlichen Ebene reizt und auspowert.

Lass zusammen laufen … also: virtuell.

Meine Läufe zeichne ich mit Strava auf. Da können wir auch Freunde werden. Hier geht es zu meinem Profil. Oder bei „Aktivitäten“ von Apple. Da findest du mich über meine E-Mail-Adresse markus@freise.de

Laufen war da naheliegend und neben Tennis das Einzige, in dem ich wenigstens ein bisschen Erfahrung hatte. Und so begann meine Laufsaison 2018. Eine Saison, die mit wenigen Unterbrechungen bis heute anhält. Unterbrechungen, die nicht aus dem Mangel an Motivation resultierten, wie früher. Diese neuen Laufpausen, vor allem im Winter 18/19, hatten immer gesundheitliche Gründe. Schnupfen, Schmerzen im Knie. Sowas. Laufen war nach wenigen Wochen jedoch so „drin“, dass wenn eine von diesen Unterbrechungen mich vom Laufen abhielt, ich es ab einem gewissen Punkt kaum mehr erwarten konnte, wieder anfangen zu dürfen. Ich hatte endlich einen Grund, ein „Purpose“ für mein Laufen gefunden. Etwas, das mir lieb und teuer und zu beschützen wert war: mich selbst.

Mein 2018 wurde dann so anspruchsvoll wie ich es erwartet hatte. In jedem Aspekt. Professionell, persönlich, seelisch. Hier die konkreten Hintergründe zu erläutern bräuchte zu viel Raum. Und einiges davon gehört auch nicht in die Öffentlichkeit. Aber ich wage zu behaupten: Hätte ich mich dem nicht zugewandt, wäre heute vieles anders. Schlimmer. Ist es nicht. Ganz im Gegenteil. Alles ist gut. Weil:

Meine Gedanken konnte ich im Journaling sortieren, meinen Geist in der Meditation ruhen und die Aufgaben durch Deep Work erledigen. Gesunde Ernährung und eine stabile Partnerschaft bildeten dazu ein bestimmendes Fundament. Und dann war da eben noch das Laufen.

Hier läuft das alles zusammen. Im Teutoburger Wald in Bielefeld.

Die Ganzheitlichkeit des Sein

Im Laufen, in der Körperlichkeit, fand ich den besagten Ausgleich zu mentalen Themen. Den Propfen, den ich aus der Badewanne des Geistes zog, bevor diese überlaufen konnte. Und auch, wenn ich meine Läufe mit Apps und Watch und allem aufzeichnete und analysierte und bald Fortschritte macht, ist es das bis heute geblieben: Ein Gegengewicht zu einem mental herausfordernden Leben. Noch immer fehlt mir jede Motivation, „mehr“ daraus zu machen. Einen echten Sport. Noch immer ist das für mich etwas, dass ich für mich mache. Es gibt Läufe, die sind gar keine. Da bleibe ich manchmal einfach stehen und schaue mich um. Setze mich hin, und meditiere. Oder inszeniere ein Foto für später, für Instagram. Verquicke Kreatives und die Bewegung. Meditation und Sport.

Peter Pan und ich. Ein unschlagbares Team. Im Hyde Park in London.

Laufen ist für mich somit ein Teil des Ganzen und niemals das Ganze. Ein Baustein in meinem Dasein als Kreativunternehmer. Und je nach Situation mal größer, mal kleiner, mal kürzer, mal länger. Zuerst nur eingebaut, um einer anspruchsvollen Situation gerecht zu werden. Aber nach über 12 Monaten bin ich überzeugt, dass das Laufen, genau so wie die Mediation und das Journaling, zum Teil meines Wesens geworden ist. Um mich zu wiederholen:

Etwas, dass mir hilft, bei dem zu bleiben, das mir lieb und teuer ist:

Bei mir selbst.

Jetzt du: Läufst du auch? Läufst du nicht? Warum? Warum nicht? Oder ein anderer Sport? Ein weiterer Tipp? Lass es mich und die anderen wissen.

Hier unten in den Kommentaren.

 

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