In Schnittmengen leben. Vom kreativen Umgang mit dem Social-Media-Mindfuck

Die Experten sind sich einig: Wer sich ständig in Social Media Kanälen tummelt und dabei bewundernd bis neidisch auf das Leben anderer starrt, pflastert sich eine Autobahn aus Verstimmungen und Depression. Denn wo eben noch das Gras wenigstens nur ein wenig „ungrüner“ war, als auf der anderen Seite des Zauns, ist dann nach einiger Zeit nur noch Wüste. Aber das muss nicht sein.

Auch ich habe mich schon dabei erwischt. Morgens aufgewacht. Ganz „oh-kay“ drauf, noch ein wenig luzid den Träumen nachhängend. Also erst einmal Instagram auf. Ein wenig durch die Stories gewischt. Gesehen, wie ihr so lebt. Wie ich. Diese normalen Leben. Mit ein wenig Arbeit, Urlaub und schönen Abenden in Biergärten. Normal schön eben. Anstandslos. Unaufgeregt gut.
Aber dazwischen dann diese krassen Typen und Frauen. Die wir früher „Stars und Sternchen“ nannten, die heute „Influencer“ oder „YouTuber“ sind. An deren Leben wir heute teilnehmen dürfen. Ohne Filter und PR-Agenturen. Die immer quer durch die Welt jetten, ein Projekt nach dem anderen durch die Stratosphäre jagen. Wo sich Erfolg an Erfolg reiht. Und das Leben ein ständiger Strom an Spaß und Freude und Erfüllung ist. Wir schauen ihnen dabei bewusst zu und merken nicht, wie das unseren Selbstwert erodiert. Steter Tropfen höhlt auch diesen Stein.

Was aber, wenn man statt daran zu verzweifeln, das für die eigene Entwicklung hin zu seinem „Selbst“ nutzen würde? Dem nicht entfliehen, indem man gleich den Stecker zieht und einen permanenten „Digitalen Detox“ ausruft. Nein, wenn es stattdessen gelingt, diese Diskrepanz die zwischen deren und unseren Leben liegt, eben nicht als Mangel zu fühlen, sondern als Inspiration zu verstehen – da findet dann „Werden“ statt, an Stelle von „Verkümmern“.

Dinge im Rückspiegel erscheinen eventuell näher, als sie es wirklich sind

Was nicht gelingen kann: Dieses ferne Leben zu kopieren. Wer das versucht, wird nur ein fahles Abziehbild und stellt etwas dar, das weder dem eigenen Selbst entspricht und auch nicht dem Leben, das so erstrebenswert schien. Einfach, weil die Voraussetzungen ja ganz andere sind. Worum es viel mehr geht, ist es „hinein zu spüren“ in sich, wenn man dort hinsieht. Welcher Aspekt des beobachteten Lebens es ist, der einen anspricht. Im wahrsten Sinne sich einem zuwendet und sagt: „Das könntest auch du sein.“

Weil die gute Seele ganz genau weiß, was geht und was nicht. Sie kennt keinen Mangel. Nur Möglichkeiten, jenseits der Zurückhaltung.

Auf der Toilette der eigenen Seele

Doch erst einmal zurück in den Schmerz. Denn es tut schon ein bisschen weh, das zugeben zu müssen: Was uns triggert, wenn wir am Morgen auf dem Klo durch Instagram und Social Media streifen, ist ein leiser Neid. Auf diese Menschen, die sich trauen, ein Leben zu führen, das lebenswert ist.

Wir dürfen jedoch nicht neidisch sein. Das ist nicht gut für uns und deshalb verboten. Dann und wann springt also unser Ego in die Schusslinie um uns zu beschützen. Will uns weis machen, dass die ja auch nur mit Wasser kochen. Pickel haben. Ihre Partner anschreien. Sowas. Oder dass sie eben ja ganz andere Voraussetzungen haben. Mit all dem Geld. Der Villa auf Hawaii. Und diesem Körper. Dieser Vehemenz der Jugend. Also spalten wir uns ab. Nicht von dem, was wir da sehen. Sondern viel schlimmer: Von unserer Sehnsucht, die unsere zuschauende Seele verspürt. Für den Bruchteil eines Moments wird sie im Hinsehen sogar befriedigt. Bis unser Bewusstsein unser Unterbewusstsein überrumpelt und klarstellt: Dieses Leben da, das führt jemand anderes. Du sitzt nur auf dem Klo und siehst, im wahrsten Sinne „ausscheidend“, zu.

Raus aus dem Mangel, rein in die Schnittmengen

Hinter diesem Sehnen steckt jedoch nichts materielles oder weltliches. Es sitzt viel tiefer. Es sind die grundlegenden Werte unseres Wesens, nach denen wir leben könnten, die uns ansprechen. Vielleicht eine Freiheit im Denken und Handeln. Der Mut, kreative Wege zuzulassen, wo wir schon seit Jahrzehnten auf einer Autobahn in die falsche Richtung rasen.

Was wir dort sehen, spüren und das in uns mangelt ist individuell. Für Bettina anders als für Karl. Aber es ist immer ein reales Verlangen nach sich selbst. Nicht die Aufforderung, doch mal was „zu ändern“, sondern genau andersherum – verdammt noch einmal – endlich aufzuhören, so anders zu sein wie die Anderen und wahrhaftig authentisch zu leben.

Willkommen im mentalen Ground Zero

Alle, die großes erreichten, standen mal da, wo du heute stehst. Bei „Null“. Am mentalen Ground Zero. Aber sie haben nicht aufgehört, dem Leben, ach: sich selbst zuzuhören. Auch in den dunklen Nächten. An die Decken starrend. Sie haben durch diese Stimmen in ihrer Stille irgendwann eine Sehnsucht in sich entdeckt, die sie nicht länger ausgehalten haben. Die sie befrieden mussten.

Ich bin sicher, irgendetwas oder irgendjemand hat sie dazu inspiriert. Und dann haben sie ihre und deren Leben auf Basis ihrer Werte in Kongruenz gebracht, diese Schnittmengen gesehen und genommen und konsequent in sie hinein gelebt.

Und nun hat diese Stimme dich gefunden. In fast jedem einzelnen Post oder Bildchen, die du dir heute ansiehst. Und sie will mit dir reden. Sie schreit dich förmlich an.

„Lebe mich!“

Was wirst du antworten?

 

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