Radikale Selbstliebe – wenn die Tage zäh und klebrig werden

Dann sind da diese Tage, an denen man nicht mit dem falschen Fuß aufgestanden ist, sondern einfach gar nicht. Liegengeblieben, weil alles Blödsinn ist. Man selbst sowieso. Und bevor man sich versieht, ist man ans Ende von Social Media gescrolled, hat Netflix leer gesehen und der Tag ist vorbei, bevor er jemals begonnen hat. Was bleibt, ist Dunkelheit.

Da hilft dann kein pseudo-intellektuelles Psychogequatsche mehr und keine netten Quotecards von Pinterest mit klugen Sprüchen. Da hilft nur noch eins: Radikale Selbstliebe.

„Radix“ ist im lateinischen die „Wurzel“. Und „Radikalität“ somit der Weg, die „Dinge an der Wurzel zu packen“.

“Selbstliebe” ist die Zuwendung zu sich selbst. Wie man sich auch einem anderen lieben Menschen zuwenden würde. Nur eben sich selbst.

Genau darum geht es bei der radikalen Selbstliebe: Sich den Dingen zuzuwenden, die in unserem Innersten verwurzelt sind, die uns ausmachen. Die uns wirklich aus- und erfüllen. Für die es sich lohnt, aus dem Bett oder vom Sofa zu kriechen und rein ins bunte Leben.

Aber wissen wir wirklich, welche das sind? Wie können wir uns an diese erinnern, wenn alles grau und dunkel ist?

Eine wichtige Randnotiz: Es geht hier nicht um Depression. Depression ist eine ernst zu nehmende Sache. In diesem Post geht es um die zähen, schmierigen Momente des Lebens, die jeder kennt. Wenn du hingegen tief in einem Loch steckst und nicht mehr weiter weißt, ist es keine Schande, sondern zu 110% richtig, professionelle Hilfe zu suchen. Das zu tun, heißt nicht, dass du „verrückt“ bist, sondern sehr mutig. Sprich mit deinem Arzt oder deiner Ärztin. Sie oder er wird dir gerne Kontakt zu Hilfseinrichtungen und Therapeuten herstellen. Die Kosten dafür übernimmt jede Krankenkasse.

“The self love you need is temporarily not available”

Es ist ja leicht, sich auf die Yoga-Matte zu setzen, wenn man wach und ausgeruht ist. Die Laufschuhe schnüren sich fast von selbst, wenn draußen der Frühling ein Loblied auf die Natur singt. Den Rechner aufzuklappen, und endlich diesen (ja, diesen) Blogpost zu schreiben ist ein Gucken, wenn man im Urlaub ist und Zeit hat.

Die Krux ist nur, dass die Selbstliebe eben genau in jenen Momenten, in denen wir sie am nötigsten bräuchten, oft am weitesten von uns entfernt ist. Wie ein guter Freund, der nicht ans Telefon geht.

Die Lösung ist ein Notfallplan. In Form einer Liste.

Jeder von uns hat Dinge, die er oder sie tut, oder Menschen, mit denen man Zeit verbringen kann, die sie oder ihm im tiefsten erfüllen. Etwas oder jemand, zu dem die gute Seele in jedem Fall „Ja.“ sagt. Weil es wesentlich für uns ist. Es sind die Dinge, die wir tun oder die Menschen, die wir treffen, bei denen wir uns anschließend besser fühlen, als noch davor. Auf eine innige Art „genährter“. Ersichtliche Ausdrucksformen von Selbstliebe.

Diese Liste zu erstellen ist kein Hexenwerk, sollte uns aber so wichtig sein, dass wir uns dafür ruhig ein wenig Zeit nehmen sollten. Wie wäre es also mit einer kurzen Challenge?

Challenge accepted?

Nimm einen Zettel und hänge ihn irgendwo hin, wo du ihn gut sehen kannst. Dann schreibst du eine Woche lang jeden Tag genau eine Sache oder einen Menschen drauf, bei denen alleine der leichteste Gedanke an sie, deine gute Seele jubilieren lässt. Dieses Vorgehen über eine längere Zeit zu verteilen, nimmt dir den Druck, aus der Hüfte mit einer Liste aufwarten zu müssen, die dann vielleicht noch nicht einmal richtig zu dir passt und aus Allgemeinplätze besteht. Gib dir also alle Zeit, die du benötigst, Gedanken zu denken, zu assoziieren und ihm Unterbewussten zu kramen. Es geht um etwas, das hält, was es verspricht, wenn alles andere wie eine Lüge erscheint.

Mit gutem Beispiel voran

Zur Inspiration, hier meine Liste, von Dingen und Menschen, denen ich mich zuwenden kann, wenn das Leben zäh und klebrig wird. Für mich hat die Erstellung der Liste, so wie sie heute ist, einige Wochen gebraucht. Sie hat sich dabei stetig verändert. Was mir zuerst wichtig erschien, flog wieder runter. Anderes kam unerwartet dazu.

Wenn Einiges davon trivial erscheint, dann ist das okay. Es sind ja meist die offensichtlichen Dinge, die wir im Krach und Schmutz des Alltags zu oft vergessen.

  • ablenkungsfreie Zeit mit Steffi verbringen
  • ablenkungsfreie Zeit mit meinen Mädchen verbringen
  • Kreatives tun (Zeichnen oder Schreiben)
  • Deep Work
  • Journaling
  • Meditation
  • Sport, konkret: Laufen. (siehe dazu auch den Blog-Artikel „Warum ich laufe.“)
  • in Stille ruhen

Die Liste ist nicht exklusiv. Es gibt viele weitere Dinge und Menschen, die mir viel Freude bereiten. Aber es ist eben diese Liste der wesentlichen Säulen, auf denen mein Sein ruht. Alles darauf erfüllt mich so sehr, wie die Umarmung durch einen lieben Menschen. Diese Dinge zu tun, ist immer Ausdruck echter Selbstliebe. Und oft genug bilden sie eine Brücke, über die ich gehen kann, um der Trübsal zu entfliehen.

Wenn mich also mal wieder der schwarze Hund ansabbert und mich hinunterziehen will in seine dunkle Höhle aus Gefälligkeit und Antriebslosigkeit, weiß ich, dass es meine Liste von Dingen gibt, die ich angehen kann, um mir selbst freundlich und liebevoll zu begegnen. Um einen Moment zu erzeugen, der einen Unterschied machen kann und einen Tag retten.

Das ist nicht immer ganz leicht und erfordert dann und wann so etwas wie „Überwindung“ – deshalb ja auch „Radikale Selbstliebe“. Aber umso häufiger man das tut, desto natürlicher wird das. Es ist wie so oft: Dinge, die zuerst radikal erscheinen, rütteln anfangs auf, leuchten dann bald ein und ehe wir uns versehen, sind sie zu „Common sense“ geworden. Zu einer Gewohnheit.

Das Leben als Wunschkonzert

Was können wir uns also mehr wünschen, als dass unser Leben vielleicht ein wenig mehr aus den Dingen besteht, die uns wirklich erfüllen. Dass wir uns immer seltener selbst radikal begegnen müssen, sondern liebevoll und respektvoll gegenüberstehen können. Das wünsche ich dir.

Mich würde es mit großer Freude erfüllen, wenn dich dieser Beitrag inspiriert, über dieses Konzept nachzudenken. Erzähl gerne in den Kommentaren von deinen Gedanken dazu oder deinen Erfahrungen. Oder schreib uns Fragen und Anmerkungen an info@happy-people-center.de. Wir freuen uns drauf.

Photos by Victoria Heath and Ben White on Unsplash

 

AutorInnen gesucht – Schreiben für das Happy People Center Hast Du Lust, als AutorIn für das Blog des Happy People Center zu schreiben? Hier findest Du dazu alle Informationen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Von Anfängern lernen. Homeruns in der Wissensgesellschaft.

Manchmal sind die besten Lehrer die Schüler selbst. Wie man als Mentor zurücktritt, um in unserer Wissensgesellschaft gerade von den Rookies und Grunschnäbeln zu lernen, so derbe hinter den Ball zu schlagen, dass er aus dem Stadion in für uns neue Galaxien vordringt.

Hört endlich auf Pausen zu machen und feiert Mikrourlaube

Was einen Mikrourlaub von einer Pause unterscheidet? So einiges. Als Erfinder des Mikrourlaubs: Hier meine Definition eines Modells, das uns hilft, in dieser wahnsinnig gewordenen Welt Inseln der Ruhe und Komtemplation zu finden.

Radikale Selbstliebe

Manche Tage sind so zäh und klebrig, da hilft kein pseudo-intellektuelles Psychogequatsche mehr, sondern nur noch eins: Radikale Selbstliebe. Was das ist und wie man das als Notfallplan für das Leben nutzen kann, erklären wir in diesem Blog-Post.

Berlin-Marathon 2019 – eine Vorfreude in blanken Zahlen

Was alles notwendig ist, um so ein ambitioniertes Ziel wie den Lauf eines Marathons zu erreichen? Das hat unser Gast-Autor Stefan Freise mal zusammengetragen.

Und jetzt geh’ da raus und zeig der Welt, dass du besser bist als du.

Was ein fiktivier High School-Coach, Yoda und Jogi Löw gemeinsam haben? Sie finden die richtigen Worte, um ihre Leute zu motivieren. Warum nur fällt uns das aber so schwer, wenn es um uns selbst geht?

Alleineurlaub. Der wunderschöne Ego-Trip.

„Solitude“ nennen sie das in der englischen Sprache. Diese Zeit, in der man ganz bewusst alleine für sich ist. Ich nenne das „Alleineurlaub“ und erkläre das „wie“ und warum das eine gute Sache hinsichtlich Persönlichkeitsentwicklung ist, in diesem Blogpost.

Hier kommen die ersten Buch-Tipps

Wir haben unsere Bücher-Regale und Kindles nach den Büchern durchstöbert, von denen wir glauben, dass sie geeignet sind, die Idee und die Themen des Happy People Centers zu konkretisieren. Hier einige Gedanken dazu.

In Schnittmengen leben. Vom kreativen Umgang mit dem Social-Media-Mindfuck

Wie man, statt sich von der Sehnsucht auf ein anderes Dasein zerfressen zu lassen, sein Ego austrickst und das geschönte Leben der Influencer, Blogger und YouTube für sich nutzt. Der Trick: In Schnittmengen zu leben. Hier eine Anleitung.

Mit dem Geist des Anfängers

In der Zen-Meditation und in asiatischen Martial Arts gibt es das Shoshin – das „Beginner’s Mind“. Was dieses uralte Prinzip mit so etwas aktuellem wie einer Website zu tun hat, beschreiben wir in diesem Artikel.

Warum ich nach über 500 Tagen Meditation einfach aufhörte.

Nach über 500 Tagen in Folge habe ich im Sommer 2019 aufgehört zu meditieren. Warum und was das mit Plateaus, Maultieren und Charlotte Roche zu tun hat, erzähle ich in diesem Blog-Beitrag.

Warum ich laufe.

Es gibt viele gute Gründe, zu laufen und Sport zu treiben. Ich habe für mich einen gefunden, der eigentlich nichts mit Sport zu tun hat. In diesem Beitrag erzähle ich Euch davon.

1 Jahr täglich meditieren

In 2018 ich ein Jahr lang täglich meditiert. In diesem Beitrag erzähle ich, warum ich das getan habe, was mir dabei geholfen hat, gebe Buchtipps und eine App-Empfehlung. Und was es mir letztlich gebracht hat.

1 Jahr täglich Tagebuch schreiben

Tagebuch schreiben ist eine der Grunddisziplinen auf dem Weg zu sich. Ich habe das ein Jahr lang probiert und gemacht. Hier sind meine Erfahrungen.

#Mikrokreativität – gegen das Jucken im Kreativen

Kreativität braucht nicht immer die große Bühne. Nicht immer die besten Werkzeuge. Manchmal genügt schon ein kurzer Impuls und ein kleiner Moment Zeit um etwas kleines mit großer Wirkung zu erschaffen. Ich nenne es „Mikrokreativität“. Dieser Blog-Post erzählt dir mehr darüber.

„Das Besondere“ – eine Antwort an Volker Strübing

Wenn ein Künstler wie Volker Strübing dein Blog abfeiert und dich hinterher fragt, was für dich „besonders“ ist – neben Familie, Freunde die Liebe – schreibst du besser drüber.

Du multitasked nicht sondern verramscht deine Aufmerksamkeit

In Ihrem Beitrag Continuous Partial Attention beschreibt die Autorin und Keynote-Speakerin Linda Stone den Unterschied zwischen „Multitasking“ (gut) und „Continuous Partial Attention“ (nicht so gut).

Ist das noch #tgif oder schon „Wochentagismus“?

Was hast du zuletzt geantwortet, als du gefragt wurdest „Und, was machst du so?“ Wie wir die Frage richtig stellen, was die Antworten bedeuten und was wir lernen können in diesem Blog-Post.

Deine Komfortzone ist keine Komfortzone sondern nur ein Sofa

„Komfortzone“ ist eines von diesen Worten, die man eigentlich anders denken und nutzen sollte. In diesem Blog-Beitrag trauen wir uns das einfach mal und entdecken dass das, was uns ausmacht viel gemütlicher ist.

Die unerträgliche Schwere des Nichtseins

Leichtigkeit ist das, was ein Kreativer braucht. Was aber, wenn das Leben über dir hereinbricht und dich unter sich begräbt? Wenn alles so schwer wird, dass man nur regungslos vor sich hinstarren will? Eine Anleitung.

Jetzt Newsletter abonnieren